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3.1 · Was ist digitale Gewalt?

„Digitale Gewalt ist keine virtuelle Gewalt — sondern reale Gewalt.”

Mit diesem Satz beginnt der Podcast zur Folge. Er ist kein Slogan, sondern eine Korrektur. Lange Zeit galt: Was im Internet passiert, ist nur Internet. Eine Beleidigung dort wirkt weniger schwer als auf der Straße. Eine Bedrohung im Chat ist weniger ernst als ein Brief mit Drohung.

Diese Logik ist falsch. Die Verletzungen, die digitale Gewalt verursacht, sind real — psychisch, sozial, manchmal körperlich. Wer betroffen ist, leidet. Wer betroffen ist, hat manchmal das Gefühl, das eigene Leben sei nicht mehr sicher.

Eine Definition

Digitale Gewalt ist ein Sammelbegriff für Gewaltformen, bei denen das Internet als Werkzeug oder Waffe genutzt wird. Sie umfasst eine Vielzahl von Erscheinungsformen, die sich nach Zielgerichtetheit, Tathandlung und Plattform unterscheiden. Gemeinsam ist ihnen: Es sind echte Gewalttaten gegen echte Menschen.

Die wichtigsten Erscheinungsformen

Wer differenziert reden möchte, nutzt nicht „digitale Gewalt” pauschal — sondern den jeweiligen Fachbegriff. Das macht die Beratung präziser und die rechtliche Einordnung einfacher.

Cybermobbing

Wiederholte, gezielte Ausgrenzung oder Bloßstellung einer bestimmten Person aus einem bekannten sozialen Umfeld (Klasse, Verein, Kollegium). Behandelt im Kurs „Cybermobbing im Klassenchat”.

Cybergrooming

Anbahnung sexueller Kontakte zu Minderjährigen über digitale Kanäle — meist durch Erwachsene, die sich gezielt an junge Menschen wenden, manchmal mit gefälschtem Profil.

Hate Speech / Hassrede

Diskriminierende, herabsetzende oder gewaltandrohende Kommentare, oft entlang von Geschlecht, Herkunft, Religion oder sexueller Orientierung. Anders als Cybermobbing nicht zwingend gegen eine bekannte Person — auch Zufallsopfer einer Zielgruppe sind betroffen.

Stalking (digital)

Heimliche Überwachung einer Person mit digitalen Mitteln: GPS-Tracker, Spyware auf dem Smartphone, kontinuierliches Anschreiben über mehrere Plattformen. Häufig gegen Ex-Partnerinnen.

Doxxing

Sammeln und Veröffentlichen privater Daten einer Zielperson (Adresse, Telefonnummer, Arbeitgeber) mit dem Ziel der Einschüchterung oder Bedrohung. Häufig gegen Aktivist:innen, Journalist:innen, Politiker:innen.

Identitätsdiebstahl / Fake-Account

Übernahme oder Vortäuschung der digitalen Identität einer anderen Person. Beispiele: Profil unter falschem Namen, Account-Hijack, KI-generierte Inhalte.

Deepfake / KI-generierte Inhalte

Mit KI gefälschte Bilder oder Videos einer realen Person. Besonders perfide: KI-Pornografie, in der das Gesicht einer Frau auf den Körper einer anderen montiert wird. Behandelt in Lektion 3.3.

Warum die Unterscheidung wichtig ist

Wer „digitale Gewalt” als pauschalen Begriff verwendet, verliert die Spezifik. Cybergrooming braucht andere Reaktionen als Hate Speech. Stalking erfordert andere Anlaufstellen als Cybermobbing. Im Beratungsgespräch ist die richtige Begriffswahl der erste Schritt zur passenden Hilfe.

Reflexionsfragen

  • Welche Form von digitaler Gewalt war Ihnen vor diesem Kurs besonders wenig präsent?
  • Haben Sie schon einmal etwas erlebt, was unter eine dieser Formen fällt — bei sich selbst, im Freundeskreis, in der Klasse?
  • Wie würden Sie diese Begriffe Schüler:innen erklären?

Testfragen: · Lektion 3.1

3 Fragen 60% zum Bestehen