1.1 · Was ist Cybermobbing — und was nicht?
Mobbing ist nicht jeder Streit.
Wenn ein Kind nach Hause kommt und sagt „Im Klassenchat haben sie schlecht über mich geredet”, greifen Eltern und Lehrkräfte schnell zum Wort Mobbing. Verständlich. Aber nicht immer korrekt — und die Begriffsklärung entscheidet darüber, was Sie als Nächstes tun.
Drei Merkmale machen Mobbing aus
In der einschlägigen Forschung (Olweus 1993, von Dan Olweus entwickelt und seitdem wenig verändert) gilt: Mobbing setzt drei Bedingungen voraus.
- Wiederholung — es passiert nicht einmal, sondern systematisch über längere Zeit.
- Machtgefälle — die betroffene Person kann sich nicht aus eigener Kraft wehren.
- Absicht — der Schaden ist nicht zufällig, sondern beabsichtigt.
Faustregel: Ein einmaliger Konflikt ist Streit. Wenn dieselbe Person über Wochen, immer wieder, gezielt und ohne realistische Chance zur Selbstverteidigung getroffen wird — dann handelt es sich um Mobbing.
Cybermobbing — was ist das andere daran?
Cybermobbing ist Mobbing mit digitalen Mitteln: über Klassenchats, Social Media, Direktnachrichten, Spiele. Die drei Merkmale gelten weiter — aber die digitale Ebene fügt zwei besondere Eigenschaften hinzu:
- Rund um die Uhr. Im Klassenraum endet Mobbing mit dem Schulgong. Im Chat geht es nachmittags, abends, am Wochenende weiter.
- Permanenz. Eine herausfordernde Bemerkung auf dem Schulhof verklingt. Eine Bildschirmaufnahme bleibt — und kann erneut geteilt werden.
Erscheinungsformen aus der Praxis
Im Podcast schildern Moritz Becker und Ralf Willius, was sie aus Schulworkshops kennen:
Manipulierte Fotos. Ein Bild eines Mitschülers wird verfremdet (Photoshop, Memes, KI) und im Klassenchat herumgereicht.
Hassgruppen. Eine Schülerin wird in eine WhatsApp-Gruppe eingeladen — die wurde extra gegründet, um sie sofort wieder rauszuwerfen. Eine wiederholte, eindeutige Mobbinghandlung.
Fake-Accounts. Jemand legt ein Profil unter dem Namen einer Mitschülerin an und postet damit peinliche Inhalte.
Gezielte Ausgrenzung. Ein Kind wird systematisch aus Gruppenchats entfernt oder bekommt keine Einladungen mehr — während andere eine erhalten.
Wie groß ist das Problem?
Die Studie des Bündnis gegen Cybermobbing e.V. aus dem Jahr 2024 misst regelmäßig die Betroffenheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Aktuell: 18,5 Prozent der Befragten geben an, schon einmal Cybermobbing erlebt zu haben — das sind 1,8 Prozentpunkte mehr als in der Vorgängerstudie 2022.
Anders ausgedrückt: In einer durchschnittlichen Klasse mit 24 Kindern sind statistisch vier bis fünf Schüler:innen betroffen — als Opfer, als Täter oder als beides.
Reflexionsfragen
- Wann haben Sie das letzte Mal mit einem Kind oder Schüler über Cybermobbing gesprochen?
- Würden Sie heute auf Anhieb sagen können, wer in Ihrer Klasse oder Familie Klassenchat-Streit erlebt?
- Welche Erscheinungsform aus dem Praxis-Beispiel oben war für Sie neu?